Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » Mo 9. Sep 2019, 16:09

Freunde der historischen Dichtkunst!

Es wird nicht funktionieren Ledernähte an einem Taucherschlauch mit Pech, Wachs, Talg oder ähnlichem einigermaßen gegen Luftdruck abzudichten. Dabei spielt die Naht keine Rolle, ob Eskimo oder Sattler. . .

Ich habe verschiedene Mixturen aus Pech, Talg und Bienenwachs ausprobiert. Je höher der Pechanteil, desto brüchiger bleibt die Mischung. Je höher der Fettanteil, desto weicher wird das Ganze. Da unsere Schläuche biegsam sind, muß die Dichtmasse der Bewegung folgen und darf nicht einreißen oder brechen. Das tut sie aber, selbst bei 80% Talganteil. Die Konsistenz gleicht zimmerwarmer Schokolade, ist oberflächenempfindlich, man kann sie mit dem Daumennagel wegschaben. Es bildet sich zwar ein schöner Dichtfilm, dieser ist jedoch nicht für mechanisch belastete, biegsame Abdichtungen geeignet. Der Film reißt ein und löst sich vom Leder, denn die Masse klebt kaum. An unseren Schläuchen wird das alles so nicht funktionieren.

Wie schon erwähnt, gab es Taucherschläuche um 1820 aus Leder, die bei der Bergung an der „Royal George“ in 20 Metern Tiefe zum Einsatz kamen. Lederschläuche müssen demnach gegen Luftdruck abzudichten sein.
Es wurde, das habe ich hier schon am 17. August verbreitet, im Schlauchinnern auch Ziegendarm verwendet. Vielleicht hat man damals „Pressluftschläuche“ so gemacht. Dazu sind Recherchen notwendig, vielleicht findet sich etwas in englischen Archiven. Ich frage drüben mal nach, unsere Freunde werden sich gerne mal mit was Anderem als dem Brexit beschäftigen wollen. Mit Norbert habe ich eben dazu telefoniert, er kann sich nicht erinnern, je detailliertes über Taucherschläuche mit Darm aus der Zeit um Kreeft gelesen zu haben.

Machen wir uns auf die Suche, probieren „neues“ aus. Vielleicht hat jemand eine Idee?

Franz
Zuletzt geändert von Franz am Mo 16. Sep 2019, 14:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon oxydiver » Di 10. Sep 2019, 09:42

Hallo Dichter Franz,

vielleicht sollte man noch mal einen Test mit dickem Leder, handgenäht mit historischer Rundnadel und gepechten, quellenden Hanf- oder Baumwollfaden machen? Wenn das erfolgversprechend ist könnte man in Analogie in unsere modern, maschinengenähten Schläuche "irgendwas" dichtes einziehen. Für einen Test mus das dann nicht unbedingt authentisch sein? Auch der momentan perlende Helm hätte dann eine Rechtfertigung.

Gruß Micha
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » Di 10. Sep 2019, 10:09

Hallo Micha,

hättest Du Zeit, das mal auszuprobieren? Es reicht ein 30 cm langes Versuchsstück. Ich schicke dir Pech, Talg und Bienenwachs.
Das Leder in Gottfrieds Fotos ist gut 4 mm dick. Einigermaßen beweglich ist ein solcher Schlauch sicher auch, zumal unserer im Durchmesser kleiner ist. Er darf aber nicht einknicken, um das zu verhindern ist die Spirale da. Probieren geht über Studieren. . .

Lederschlauch 3#.jpg


Gruß,
Franz
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » Mo 16. Sep 2019, 10:58

Hai!
Vom Biometzger habe ich 50 cm Schafsdünndarm bekommen und aufgepustet.
So alle 10 cm perlte es einwenig aus einzelnen, mit dem bloßen Auge nicht zu erkennenden Löchern im Wasserbad. Um ehrlich zu sein, das hat mich überrascht, eigentlich müsste Darm doch von naturaus dicht sein. . . ?

L1240376#.jpg

Immerhin, das Darmstück ist schonmal dichter als unsere Nähte. Vielleicht gibt es anderen Darm, einer der über längere Strecken luftdicht ist. Luftdruck muß der Darm nicht viel aushalten, da er sich beim Aufblasen innen an den Schlauch schmiegt.

Der Darm muß im Schlauch irgendwie eslatisch gehalten und konserviert werden. Würde er austrocknen, wäre er nichtmehr zu verwenden. Wie das wohl zu machen ist?

Gruß,
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » Di 17. Sep 2019, 16:28

Also, ich war nochmal beim Metzger und habe nachgefragt. Der für Wursthaut verwendete Darm ist "geputzt", von einer Fettschicht befreit. So kann es sein, daß dieser hie und da winzige Lecks aufweist. Därme im "Normalzustand" müssen jedoch gas- und wasserdicht sein, sonst gäb es Gesundheitsprobleme. Wie diese Kenntnis in einem ledernen Taucherschlauch umzusetzen ist, müssen wir noch herausfinden. Darm ist zugfest und kann in den Schlauch eingezogen werden. Er darf nicht austrocknen, muß vorher behandelt werden um ihn zu konservieren. Hören wir uns mal um.
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » Fr 27. Sep 2019, 08:10

Lederfans!

Man muß die richtigen Leute fragen, Michael Jung meinte ich solle bei Nigel Phillips anklopfen, er hat folgendes geantwortet:

Halley beschreibt, wie seine Schläuche hergestellt wurden: Er nahm einen spiralförmigen Messingdraht, der sie von Ende zu Ende offenhielt und bedeckte ihn mit dünnem Handschuhleder, das dann zum in eine heiße Mischung aus Öl und Bienenwachs getaucht wurde um die Poren des Leders wasserundurchlässig zu machen. Dann zog er mehrere Schafsdärme darüber, die er im trockenen Zustand mit einem guten Farbanstrich überzog und das Ganze mit einer weiteren Hülle aus Leder versah, um sie vor dem Zerreiben zu schützen.
Der Spiraldraht sollte verhindern, dass der Schlauch gequetscht wurde. Der Druckunterschied von innen nach außen war ohnehin nicht groß, da der Schlauch nur von seiner Glocke zu seinem offenen Helm führte, der ungefähr auf der Höhe des Luftpegels bleiben mußte.
Ich kenne keine andere Beschreibung, wie Schläuche hergestellt wurden, und sicherlich keine Hochdruck-Tauchschläuche, es gab solche nicht. Es wurden damals nur Niederdruckschläuche hergestellt, um zu verhindern, dass sie durch den Wasserdruck gequetscht werden.

Halley describes how his hoses were made: He took a spiral brass Wire, which kept them open from end to end, and covered it with thin glove-leather, which was then dipped into a hot mixture of oil and bees-wax to fill up the pores of the leather and make it impenetrable to water. Then he drew several folds of sheep's intestine over them, which when dry, he painted with a good coat of paint, and then secured the whole with another coat of leather, to keep them from fretting (rubbing).
The spiral wire was to keep the hose from being crushed, not from bursting, and anyway the pressure differential was not great from the inside to the outside because the hose only went from his bell to his open helmet, which had to be at approximately the same depth.
I don’t know of any other description of how hoses were made, and certainly not high pressure diving hoses as there weren’t any. They were all low-pressure hoses made to prevent them from being crushed by the water pressure.


img205.jpg
Hier nochmal die Taucherglocke von Halley mit dem schlauchversorgten Helmtaucher.


Die Farbe, mit denen der Schafsdarm überzogen wurde, war sicher etwas anderes als heutige Lackfarbe.

Auf zum nächsten Schlachthof!

Franz
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » Do 10. Okt 2019, 16:48

Hurra hurra, der Balg ist da. . .

Hier einige erste Schnapschüsse.

L1240421#.jpg
Orgelbauer Heinz Jäger und Geselle, führen den Balg vor.

L12404252#.jpg

L12404282#.jpg


Luftlieferleistung, Druck und Hebelkraft werden diesertage überprüft.

Die Edelstahlschrauben werden noch gegen welche aus Messing ausgetauscht. Das Leder sieht durch das Blitzlicht weiß aus, ist aber hellbeige.

Gruß,
Franz
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » Fr 11. Okt 2019, 14:34

Balg Leistungsprüfung

Balg 19 x 38 cm Innenmaße, Hebellänge 98cm. Bodenplatte 36 x 160 cm. Alle Holzteile aus Eiche.

Luftvolumen 1,2 Liter pro Hub. Bei 30 Hüben pro Minute bekommt der Taucher 36 Liter Luft an der Oberfläche.
In 5 m Tiefe werden 45 Hübe pro Minute für 36 l unter 1,5 bar benötigt. Das sind theoretische Werte, in Wirklichkeit werden wir wahrscheinlich etwas schneller pumpen müssen.

Für den Leistungstest habe ich 10 Liter Flaschenvolumen hinzu genommen:

L1240429#.jpg
Nicht erschrecken, das PTG ist leer. . .


Luftdruck 0,3 bar, alle anderthalb Sekunden eine Pumpbewegung. Der Druck baute sich nach wenigen Hüben auf. Notwendige Hebelkraft: ca. 18 kg, gemessen mit einer Federwaage. Das war ohne Probleme 5 Minuten durchzuhalten. Der Druck hielt sich nach dem Pumpen für ca. 1 Minute, bis er wieder auf Null war.

Luftdruck 0,5 bar, Pumpfrequenz wie oben, den Druck konnte ich nur mit ordentlich Kraft aufbauen. So mußten wir zu zweit antreten um das durchzuhalten. Wir schätzten die notwendige Kraft pro Person auf 12 kg. D.h. der Hebel mußte mit ca. 24 kg bewegt werden. Meine Federwage geht nur bis 20 kg.

Es scheint leichter, zu zweit 0,5 bar zu drücken, als alleine 0,3 bar, auch gut. Wenn der Hebel auf 120 cm verlängert wird, pumpt es sich etwas leichter.

Mit dem Orgelbauer habe ich die Werte diskutiert. Er meint, daß es keinen Sinn macht einen kleineren Balg zu verwenden, da dieser eine höhere Pumpfrequenz erfordert. Im Balg brauchts genügend Platz für die Ventile, daraus ergibt sich eine gewisse Mindestgröße. Es sind innen auf jeder Seite sechs Ansaug- und drei Druckventile:

IMG_20191006_153939#.jpg
Links und rechts je drei Saugventile mit Lederklappen. Mittig drei Druckventile auf der Gegenseite.


Gruß,
Franz
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon oxydiver » So 13. Okt 2019, 09:00

Hallo,

endlich ist er fertig. Ein schön handwerklich gefertigter Balg. Es zeigt sich aber das auch der Fachman die Physik nicht überlisten kann. War nicht mal von mehr Druck die Rede? 36 Oberflächenliter wären dann im 5m Tiefe 24 Liter, das sollte erst mal so reichen.
Das der Druck relativ schnell zurückgeht liegt vermutlich an der schlechten Dichtwirkung der Lederklappen auf dem Holz. Bei dem geringen Pumpvolumen hätten es bestimmt auch weniger getan. Bei meinem Versuchsbalg hatte ich dort einen leicht herausstehenden Messingring eingebaut. Wenn man nicht nur dem Helmventil vertrauen will könnte man am Ausgang des Balges noch ein wirklich dichtes Rückschlagventil hinzufügen.

Gruß Micha
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Re: Nachbau des Tauchanzugs von Peter Kreeft

Beitragvon Franz » So 13. Okt 2019, 09:39

Hallo Micha,

höherer Druck, ja, wir hatten da mal von 3 bis 4 bar gehört. Vermutlich entstand der Wert bei der Umrechnung von cm/Quecksilbersäule in bar. Der Orgelbauer hat das so gemessen.
Die erreichten 0,5 bar reichen aus, der Taucher würde mit den Füßen fast 7 m tief im Wasser stehen. Jedenfalls müssen wir den Balg bei größeren Tauchtiefen als in Leipzig und im stralsunder Wassercontainer, zu zweit bedienen.

Schönen Sonntag noch,
: )
Franz
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