5. Die Chronologie der Tauchgeschichte: 1601-1649

Die Anfänge des Tauchens

5. Die Chronologie der Tauchgeschichte: 1601-1649

Beitragvon Tauch-Info-Büro » Di 10. Jul 2012, 20:17

Der Text des fünften Kapitels aus „Meine illustrierte Chronologie und Bibliografie der Tauchgeschichte - Bd. I: Zeittafeln und Bilder“ (http://www.gierschner.de / ISBN 978-3-937522-24-1).

Und wieder der übliche Satz: Ist ja wohl kein echter Forumsbeitrag, ist aber wenigstens etwas. Und vielleicht wisst ihr - zufällig - Berichtigungen oder Ergänzungen? Meine „Verlagstechnologie des Book-on-Demand“ erlaubt es, jederzeit Änderungen vorzunehmen. Also, weiter geht es bei mir so:


1604
- Magnus Pegel, Prof. an der Universität Rostock, veröffentlicht in seinem 170seitigen technischen Werk “Thesaurus rerum ...” u. a. auch Grundsätzliches zu einem Tauchfahrzeug.

1606
- Aus Russland werden, von dem Historiker Ruben Orbeli gesammelt, erste Berichte über taucherische Aktivitäten bekannt. So heißt es beispielsweise in den Unterlagen des Spaso-Priluzkiy-Klosters Irinarh “Ich habe dem alten Mann Jakim Luzore neun Altyn gegeben für das Tauchen und die Behälter” für Perlen.

1611
- Jacob der Taucher, wird ein in Niederland lebender Mann genannt, der sich auf Bergungsarbeiten spezialisiert hat. Sein Angebot, an einem vor Irland gesunkenen Schiff zu arbeiten, lehnt aber die britische Admiralität ab, weil er kein Engländer ist. In der Tauchgeschichte wird Jacob noch einmal 1620 und 1624 aktenkundig, ehe sich um 1634 seine Spur verliert.

1612
- Der ehemalige Pirat Richard Norwood erprobt die “Bermuda Tub”, eine im nordamerikanischen Raum gebräuchliche simple Taucherglockenvariante. Sie besteht eigentlich nur aus einem unten offenen und stark beschwerten Weinfass, das zum gelegentlichen Atemholen der Nackttaucher hinabgesenkt wird.
- Der spanische Hauptmann Diego de Ufano verfasst nach seinen Erfahrungen im Niederländischen Krieg in spanischer Sprache das kriegstechnische Werk “Tratado dela artilleria y uso della platicado”. Es erscheint in der Übersetzung von Th. de Bry erstmals 1614 auch auf Deutsch. Auf einem der 56 Kupferstiche seines Werks ist auch ein Taucher abgebildet. Er trägt einen über Kopf und Schultern gehenden Überwurf, der sich in einen bis an die Wasseroberfläche reichenden Luftschlauch verjüngt. Dieses Gerät sollte zum Bergen von Kanonen eingesetzt werden.

1615
- In dem technischen Buch “Machinae Novae” des in Dalmatien geborenen Titularbischofs Fausto Veranzio soll sich nach Davis (1962) die Abbildung einer Taucherglocke befinden: “Sie bietet keine besonderen Merkmale, ist aber von Interesse, da sie den Trend von Ideen jener Zeit anzeigt”. Von dem Buch gibt es nach Klemm (1965) zwei Varianten: eine mit 49 Kupferstichen und 37 Seiten Text in Latein und Italienisch, eine zweite mit identischen Bildern, aber fünfsprachig und beide wohl 1615 oder 1616 erschienen. In diesen Ausgaben befindet sich kein Hinweis zum Thema Tauchen, keine Taucherglockenabbildung, nur die Abbildung einer Schwimmhilfe zum Überqueren von Flüssen.
- Franz Kessler, ein Maler aus Wetzlar veröffentlicht in Oppenheim sein Buch “Unterschiedliche bisshero mehrern Theils Secreta oder verborgene geheime Künst”. Die erste Künst “ ... ist Ortsforschung, dadurch einer den anderen über Wasser und an Land alle Heimlichkeiten offenbaren mag, die andere: Wasserharnische, dadurch jemand etliche Stunden unter Wasser sein kann.” Der Wasserharnisch ist quasi eine Einmann-Taucherglocke samt Tragegestell, mit dieser soll der Taucher über den Grund laufen können.

1617
- Das metaphysische Hauptwerk des Robert Fludd “Utriusque cosmi ...”, Dr. der Medizin in Oxford und der eigentliche Erfinder des Barometers (vor Torricelli, nur dass er sein Instrument nicht mit Quecksilber, sondern mit Wasser füllte), enthält auch die Abbildung eines Tauchers. Der mit einem geschlossenen Anzug bekleidete Mann wandert durch einen Fluss und soll durch einen von einem Schwimmkörper getragenen Schlauch atmen.

1618-1624
- Der holländische Naturwissenschaftler Cornelius Drebbel baut in London 1618 oder 1620 mindest ein hölzernes Tauchfahrzeug, das mit Riemen vorwärts bewegt und, von König James I. beobachtet, zwischen London und Greenwich auf der Themse ein Stückchen auch getaucht gefahren sein soll. Später benutzte man es für Vergnügungsfahrten. Ein Nachbau in England um 2003 belegt, es könnte funktioniert haben.

1620
- Der englische Philosoph und Naturwissenschaftler Francis Baconveröffentlicht in seinem “Novum Organum” Notizen zum Thema Taucherglocke.
- Hieronymus Ruscellum ins Deutsche übertragene “Kriegs- und Archeley-Kunst” berichtet von einem “von Fiorauanti erfundenen Instrument / dessen man sich in Wassern / und zurzeit der Ungestümm kan gebrauchen.”
- Venedig beauftragt den niederländischen Bergungsexperten Jacob (>1611) mit der Hebung eines vor Irland gesunkenen venezianischen Schiffes.

1624
- Von Jacob, dem Taucher (>1611) wird berichtet, dass er in englischem Auftrag Taucherarbeiten in Enkhuizen übernommen hat.

1627
- Die Truppen des Duke of Buckingham blockieren seit Wochen die 8 km vor der Küste Frankreichs liegende Île de Ré. Ein gascognischer Soldat übernimmt es, mit der Bitte um Hilfe nachts an Land zu schwimmen. Die Engländer entdecken Bewegungen im Wasser und schicken Kontrollboote aus. Der Gascogner entzieht sich durch wiederholtes Abtauchen der Beobachtung. Die Späher entscheiden, dass es sich wohl um einen großen Fisch handeln müsse, und rudern zurück.
- Die Needles sind eine Formation steil aus dem Wasser ragender Kreidefelsen, sie sich von der Isle of Wight weit hinaus ins Meer erstrecken. Hier zerschellt im Herbst der holländische Ostindiensegler Campen. Viele Seeleute retten sich und einen Teil des geladenen Silberschatzes ans Ufer.

1628
- Im Frühjahr beauftragt der Duke of Buckingham den 1612 nach England übergesiedelten Holländer Jacob Johnson mit der Bergung restlicher Wertgegenstände aus der im Vorjahr gesunkenen Campen. Johnson verdient seinen Lebensunterhalt mit seinem Schiff Charity in den Downs, einem klassischen Ankerplatz vor Kent, indem er beispielsweise verlorene Anker und Kanonen birgt. “Es gilt als sicher”, meint R. Larn 1985, “dass Johnson der einzige Taucher zu jener Zeit im Land war. Der Begriff ‘Dyver’ = Diver = Taucher findet sich hier zum ersten Mal in der englischen Sprache.” Jacob hebt u. a. 2360 Münzen und mehrere Anker.

1630
- René Descartes entdeckt die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Luft in unten geöffneten Hohlkörpern (etwa einer Taucherglocke) beim Absenken im Wasser komprimiert wird.

1631
- Der Flame Florencio Valagren reicht einem von König Philip IV. initiierten holländischem Komitee zu Erfindung von Taucherhilfsmitteln seine Ideen ein, darunter ein per Blasebalg zu belüftendes “Atemschlauchtauchgerät”. Das geschieht 60 Jahre vor Papin, der eigentlich immer als Erfinder dieser Idee angesehen wird. Ein anderer Vorschlag besteht aus einem ballastbeschwerten Atemsack, aus dem der Taucher über ein Mundstück mit Ein- und Ausatemventil Luft schöpfen kann. Bei dem dritten Entwurf handelt es sich um ein per Blasebalg zu füllenden gürtelförmigen “Luftbehälter”, ebenfalls mit Ventilmundstück.

1632-1636
Während der Reisen des spanischen Entdeckers Don Francisco de Ortega setzt dieser in Mexikos Baja California eine Tauchglocke ein. Abbildungen davon wurden bisher nicht gefunden, aber der Schiffschronist beschreibt sie als aus Holz und Leder gefertigt und für ein bis zwei Personen geeignet.

1636
- Der französische Geistliche Père Marin Mersenne entwirft eine fischförmige Metallkonstruktion für ein Tauchfahrzeug mit einer Luftzuführung von der Oberfläche her, praktisch den künftigen Belüftungsmast oder Schnorchel späterer U Boote. Das “Copyright” dafür besitzt allerdings schon seit 1578 William Bourne. Revolutionär ist indes die Idee zu einem fast stromlinienförmigen Boot aus Metall.

1637
- In dem Buch von Malachias Geiger “Margaritologia”, gedruckt 1637 in München, werden die verschiedenen Methoden des Perlenfischens vorgestellt. Dazu gehört auch das Tauchen nach Perlen. Allerdings scheint Geiger weder persönliche Erfahrungen noch Ahnung von dem Metier gehabt zu haben.

1640
- Jean Barrié erhält ein 12-Jahres-Patent auf eine Art Taucherglocke und setzt sie in Dieppe (Frankreich) bei Bergungsarbeiten an einem gesunkenen Schiff ein.

1642
- Für Bergungsarbeiten der im Hafen von Charlton (Charlestown) explodierten Mary Rose baut Edward Bendall zwei große Taucherglocken. Der in der Glocke sitzende Taucher dirigiert sie mit zwei Leinen. Mit einer signalisiert er, dass man die Glocke hochziehen soll und mit der anderen, dass man die Glocke zu einer anderen Stelle bewege. Der Luftvorrat soll für eine halbstündige Tauchzeit ausgereicht haben.

1643
- Der Geistliche George Fournier berichtet in seinem Werk “Hydrographie” über an der Schwarzmeerküste lebende Kosaken u. a.: “Wenn sie durch die Galeeren ihrer Herren verfolgt werden, fliehen sie in Sumpfland. Dort machen sie ein Loch in die Böden ihrer Boote, um sie unter die Oberfläche zu versenken. Dann gehen sie selbst unter die Oberfläche und bleiben dort den ganzen Tag. Um atmen zu können, schneiden sie Schilfrohr und mit einem Ende im Mund und dem anderen über Wasser warten sie ungesehen, bis die Nacht anbricht.” (Latil et Rivoire, 1956, S. 128). Auch erzählt er ausführlich über die Perlentaucher im Indischen Ozean und in der Karibik (Latil und Rivoire 1956, S. 193-195).

1647
- Das Sterbejahr Torricellis. Der italienische Mathematiker und Physiker beschäftigte sich u. a. mit dem Verhalten von Gasen und Flüssigkeiten, entwickelte das Quecksilberbarometer, erzeugte die torricellische Leere (ein künstliches Vakuum) und entdeckte die Gesetzmäßigkeiten beim Ausströmen aus einem Gefäß unter Einfluss der Schwerkraft.
- Der französische Religionsphilosoph, Mathematiker und Physiker Blaise Pascal entdeckt das Prinzip der kommunizierenden Röhren und andere hydrostatische Gesetzmäßigkeiten.

1648
- Der englische Bischof John Wilkins, ein Stiefbruder Cromwells, prophezeit in seiner Schrift “Mathematical Magick” mit viel Fantasie die Auswanderung seiner Pfarrkinder ins Meer. Sie würden dort Niederlassungen gründen, ihren Lebensunterhalt erarbeiten und Kinder würden dort geboren werden, ohne etwas von der Erde zu wissen. Den Teil III seines Traktats widmet er Überlegungen zu Tauchfahrzeugen.
- Der Franzose Jean Barrier de Pradine erhält von der Mutter König Ludwigs IVX. für 12 Jahre das Privileg, Wertgegenstände aus gesunkenen oder gestrandeten Schiffen mit den von ihm erfundenen Geräten und Mechanismen zu bergen. Diese sollen es ihm erlauben, bis zu 6 Std. unter Wasser zu bleiben. Latil und Rivoire (1962) vermuten, dass Pradine schon Jahrzehnte vor Sinclair (>1669) oder Papin (>1689) eine verbesserte Taucherglocke mit einer Belüftungsmöglichkeit eingesetzt haben könnte.
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