1. Die Chronologie der Tauchgeschichte: Über den Anfang

Die Anfänge des Tauchens

1. Die Chronologie der Tauchgeschichte: Über den Anfang

Beitragvon Tauch-Info-Büro » Fr 21. Okt 2011, 11:19

Hallo, ich nehme einmal das „Prähistorisches“ wörtlich. Und um diese Rubrik wenigstens mit einem Artikel zu füllen, beginne ich mit dem Text (im Buch z. Z. auch noch 13 Abb.) des ersten Kapitels aus „Meine illustrierte Chronologie und Bibliografie der Tauchgeschichte - Bd. I: Zeittafeln und Bilder“. Kopieren ist ja einfacher als schreiben … Um mir nun weitere Vorbemerkungen zu ersparen: Details zu allen 4 Bänden unter http://www.gierschner.de.

Ist ja kein wohl kein echter Forumsbeitrag, ist aber wenigstens etwas. Und vielleicht wisst ihr - zufällig - Berichtigungen oder Ergänzungen? Meine „Verlagstechnologie des Book-on-Demand“ erlaubt es ja, jederzeit Änderungen vorzunehmen. Also, die Chronologie eröffnet so:



Vor Christus

Jeder Beginn pflegt sich im Dunkel der Vorzeit zu verlieren. So auch in der Geschichte des Tauchens. Einige frühe Daten sind bekannt, etliches indes ist vage und ungenau. Aber wenn man schon in den Brunnen der Anfänge hinabsteigen möchte, die Jahrtausende benennen, in dem unsere Geschichte beginnen könnte, so führten die ersten Spuren vielleicht zurück bis in die Jahrtausende der Mittelsteinzeit.

8000-5000 v. Chr.
- In den Überresten vorgeschichtlicher Siedlungsstellen in Strandnähe, besonders in dem dänischen Kjökkenmöddinger (dän. für Abfallhaufen) der Mittelsteinzeit, finden sich u. a. Schneckengehäuse und Muschelschalen, die wohl nur tauchend aus dem Meer geholt werden konnten.

6000 v. Chr.
- Von den wohlhabenden Frauen aus Babylon wird erzählt, dass sie sich mit Perlen schmückten.

5000 v. Chr.
- Tim Ecott (2002) berichtet, dass man an der Küste von Atacama in Chile mumifizierte menschliche Überreste gefunden habe, bei denen Walknochen und aus Perlmutt geschnitzte Angelhaken lagen. Und durch Wucherungen verdickte Ohrknöchelchen deuteten auf längere und häufigere Aufenthalte in kaltem Wasser. Hatten sie ihre Nahrung auch im Meer gesammelt?

4500 v. Chr.
- In den Siedlungsresten von Bismaya (Babylon) werden Einlegearbeiten aus Perlmutt gefunden. Aus der Art und Menge des verarbeiteten Perlmutts wird geschlossen, dass die Muscheln Taucher geborgen haben mussten.

3200 v. Chr.
- Im ägyptischen Theben werden Perlmuttschalen für Schnitzarbeiten verwendet.

2899-2800 v. Chr.
- In dem sumerischen „Epos von Gilgamesch“ wird im 11. Lied berichtet, dass Gilgamesch, der Führer der Stadt Uruk, mit Steinen beschwert ins Meer taucht, um Heilkräuter zu sammeln. Die auf Tontafeln geschriebenen Verse existierten in vier altertümlichen Sprachen und lagen in der Bibliothek des Assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive.

2000 v. Chr.
- Wilde Stämme zahlen dem Chinesenkaiser Yu Tribut auch in Form von Fischen und Austernperlen.
- Auch aus ungefähr dieser Zeit stammt eine assyrische Inschrift, in der ein Kaufmann den Empfang eines Pakets von Perlen aus Bahrain bestätigt.

1500 v. Chr.
- Etwa um diese Zeit lösen die Phönizier die Kreter als bedeutendstes Seefahrervolk der Antike ab, erforschen das Mittelmeer, die Küsten des Roten Meeres, Somalia, Arabien, Indien, vielleicht sogar China und entdecken die Kanarischen Inseln und die Scilly-Inseln (Jung).

1200 v. Chr.
- Aus etwa dieser Zeit steht geschrieben bei Ezechiel 27, 16-23: „O Tyrus, die Syrer haben bei dir geholt deine Arbeit, was du gemacht hast, und Rubine, Purpur, Teppiche, feine Leinwand und Korallen und Kristalle auf deine Märkte gebracht.“

1000 v. Chr.
- In der griechischen Mythologie verwandelte sich Glaukos, ein wegen seiner Tauchkunst berühmter Fischer, in einen durch seine Weissagungen beliebten Meeresgott, halb Fisch, halb Mensch.
- Die Phönizier werden auch durch den Export von Purpur eine der reichsten Handelsmächte im Mittelmeerraum. Purpur wird aus riesigen Mengen mariner Murex-Schnecken gewonnen, die man wohl auch tauchend einsammeln musste.

886 oder 885 v. Chr.
- Ein im Britischen Museum in London aufbewahrtes assyrisches Relief aus dem Palast des Königs Assur-Nazir-Pal zeigt Schwimmer mit vor der Brust befestigten Luftsäcken mit Mundstücken. Manche Autoren glauben, diese könnten auch zum Tauchen benutzt worden sein. Aber viel wahrscheinlicher: Es sind Schwimmhilfen.

799-700 v. Chr.
- Homer, dessen Existenz man heute in das 8. Jh. v. Chr. legt, berichtet über die „... Verwendung von Schwämmen. Fischer, die nach Schwämmen tauchen, müssen häufig tiefer als 22 m gehen, um bessere Exemplare zu bergen“ (Vallintine 1981). Und Latil et Rivoire (1956) zitieren: „Mit welch ungewöhnlicher Leichtigkeit er taucht“. In meiner von J. H. Voß übersetzten Ausgabe indes berichten die Verse 677-681 nur von Apollons Eingreifen in die Schlacht um Troja.

685 v. Chr.
- Plinius berichtet, dass auch Taucher der 685 v. Chr. gegründeten griechischen Siedlung Chalcedon am Bosporus Kupfererz förderten.

550 v. Chr.
- Im Roten Meer und im Persischen Golf werden in größerem Umfang von Tauchern Perlen geborgen, und dieser Geschäftszweig breitet sich aus bis Indien und Ceylon.

500 - 200 v. Chr.
Vor ungefähr 2000 bis 2500 Jahren erreichte die Taucherei ihren ersten Höhepunkt. In den klassischen griechischen Stadtstaaten und später im Römischen Reich entstanden regelrechte Tauchergewerbe. Es ist kein Zufall, dass die Taucherei in jener Zeit und Region ihre erste Blüte erlebte. Erst die Massensklaverei ermöglichte den Aufschwung des klassischen Griechenlands. Die Sklaven wurden rücksichtslos ausgebeutet. Es entstand eine reiche Oberschicht. Die Sklavenhalter brauchten nicht mehr zu arbeiten und konnten daher kulturellen Beschäftigungen nachgehen. Auch die Körperpflege stand hoch im Kurs. Die reicheren Griechen und Römer trieben häufig Sport und pflegten ausgiebig zu baden, wodurch ein großer Bedarf an Schwämmen entstand. Immer mehr Bürger konnten sich auch erlesene Delikatessen wie bestimmte Muscheln, seltene Farbstoffe, beispielsweise das aus Schnecken gewonnene Purpur, und schöne Schmuckstücke wie Perlen und Korallen leisten. Schwämme, Austern, Purpurschnecken, Perlmuscheln und Korallen aber mussten aus dem Meer geborgen werden. Günstig war außerdem, dass das Mittelmeer klar und nicht zu kalt ist und den Taucher gefährdende Tiere recht selten sind. Vier Faktoren wirkten also hier zusammen: gesellschaftlicher Bedarf, das Artenvorkommen, ein relativ „menschenfreundliches“ Meer und seine Nähe zu den klassischen Stadtstaaten. Daher ist es kaum verwunderlich, dass in dieser Zeit und diesem Raum der erste Ansturm auf die Tiefe einsetzte und mit dem Ende jener Kulturen - spätestens um den Beginn unserer Zeitrechnung - zunächst auch wieder verebbte (Gierschner, 1984).

500 v. Chr.
- Der griechische Gelehrte und Forschungsreisende Hekataios von Milet verfasst eine „Erdbeschreibung“. Auf der ihr entsprechenden kreisrunden Weltkarte liegt das Mittelmeer im Zentrum. Es ist umgeben von den außen abgerundeten Landmassen Europas, Vorderasiens und Nordafrikas. Der Rand der scheibenförmigen Karte wird umspült vom unheildrohenden „Okeanos“. Die Straße von Gibraltar trägt den in der gesamten Antike gebräuchlichen Namen „Säulen des Herakles“ (Jung).

450 v. Chr.
- Wie Herodot etwa um diese Zeit berichtet, sei der Lazedämonier Skyllias bei Aphetae ins Meer gestiegen „... und nicht eher hervorgekommen, bis er bei Artemission war, also ungefähr einen Weg von 80 Stadien durch das Meer gemacht habe.“ Der Taucher Skyllias wird berühmt durch die Bergung von Gold und Silber, das die Perser bei einem Schiffbruch unweit Pylae verloren hatten. Und seine ausgezeichnet tauchende Tochter Hydna (Cyana) gilt als Erste namentlich erwähnte Taucherin. Sie hilft ihm auch, als Skyllias vor dem Pelion-Gebirge die Ankertaue der feindlichen Flotte Xerxes kappt. In Delphi wird ihr zu Ehren eine Weihestatue aufgestellt. Eine Kopie davon soll die „Venus von Esquilin“ sein. Auch Pausanias schreibt über die beiden Taucher und endet seinen Bericht mit der interessanten Anmerkung: „Die Tauchkunst wird von Frauen nur so lange betrieben, wie sie Jungfrauen sind.“

431-404 v. Chr.
- Wie Thukydides in der Geschichte des Peloponnesischen Krieges erzählt, zerstören griechische Taucher die Unterwasserbollwerke des Hafens von Syrakus. Die Athener ziehen die eingerammten spitzen Pfähle mit Winden heraus und lassen von Tauchern die Reste absägen.

332 v. Chr.
- Als Alexander der Große Tyros belagert, kappen gegnerische Taucher die Ankertaue seiner Schiffe, mit denen Alexander die Hafenstadt vom Meer her abriegelt.

330 v. Chr.
- Der griechische Philosoph Aristoteles vergleicht ein Gerät der Taucher mit dem Rüssel des Elefanten, den dieser zum Atmen über den Kopf hebt, wenn er einen tieferen Fluss durchqueren muss. Außerdem berichtet Aristoteles von einem Kessel, den Taucher mit hinab nehmen, um sich mit Atemluft zu versorgen. Eine Taucherglocke en miniature!

330-325 v. Chr.
- Etwa um diese Zeit sollen Alexander der Große und sein Admiral Nearchos mit einem Tauchapparat im Indischen Ozean für einige Stunden unter Wasser geblieben sein. Die Angaben sind widersprüchlich und Foëx (1966) farbige Schilderung ist, wie alles um Alexanders Tauchversuch, nicht belegt. Realer Kern indes mag sein, dass Alexander mit einer Tonne als Minitaucherglocke im Tigris mehrfach Tauchversuche unternimmt - nach einer Schrift seines ehemaligen Lehrers Aristoteles durchaus möglicher Stand der Technik.

325 v. Chr.
- Der griechische Astronom und Geograf Pytheas unternimmt die erste große naturwissenschaftliche Reise zur Erforschung des Meeres. Er segelt nach England und Island, berichtet von Meereis und Polarlichterscheinungen, wendet astronomische Messungen an, um ein Verfahren zur Bestimmung der geografischen Breite zu entwickeln, und äußert den Gedanken, dass die Gezeiten vom Mond beeinflusst sein könnten (Jung).

300 v. Chr.
- Bei Isidor von Charax findet sich die Angabe, dass Perlentaucher manchmal bis in eine Tiefe von 20 orgyca (Klafter = 37 m) hinabtauchen.

268 v. Chr.
- In dem in Japan geschriebenen Gishi-Wajin-Den werden bereits um diese Zeit japanische Perlentaucherinnen, die Amas, erwähnt. Die Amas setzen diese Tradition bis heute fort.

210 v. Chr.
- Philon de Bycance berichtet, dass man mit Hilfe einer Taucherglocke den Silberschatz eines gesunkenen Schiffes aus 32 m Tiefe geborgen habe. Auch schreibt er in seinem „De Selorum Constructione“: „Um zu vermeiden, dass in flachem Wasser Ankerseile von Tauchern gekappt werden, soll man Ankerketten verwenden. Und damit Taucher nicht die Bordwände von Schiffen bewaffneter Soldaten durchbohren, soll man Wachen auf Deck aufstellen, die nach Tauchern unter der Oberfläche Ausschau halten“ (Latil et Rivoire 1956).

168 v. Chr.
- Wie der römische Geschichtsschreiber Livius Titus erzählt, holen zu der Zeit, als Perseus König von Makedonien ist, Taucher zahlreiche Schätze aus dem Meer.

100 v. Chr. - 100
- Vielleicht aus der Zeit um 100 Jahre vor bis 100 Jahre nach Chr. stammt eine Inschrift aus Rom, die von einer am Tiber beheimateten Genossenschaft von Fischern und Tauchern spricht: „piscatrum et urinatorum alvei Tiberis“ (Kapitän 1961, S. 1092).

67 v. Chr.
- Foëx (1966) erzählt, wie in der Alexander-Legende, mit vielen schönen Worten von dem Einsatz eines römischen Kriegers namens Tibur. Dieser kappt schwimmend und tauchend die Ankertaue eines zu kapernden Schiffes - und verliert dabei sein Leben. In der deutschen Ausgabe und auch bei Männche (1993) finden sich dazu leider keine Quellennachweise. Der Sachverhalt ist höchst vage!

49 v. Chr.
- Der lateinische Dichter Lukan (Lucanus) erzählt in seinem Epos „Pharsalia“, das den Bürgerkrieg zwischen Cäsar und Pompeius behandelt, auch über die Belagerung Marseilles durch Cäsars Streitkräfte. Er erwähnt einen Taucher aus dieser Stadt namens Phoceus bzw. Phocaicus, der freitauchend allerlei Taucherarbeiten verrichtete.

35 v. Chr.
- In einer von Plutarch erzählten Geschichte möchte Antonius vor Cleopatra bei einem Angelwettbewerb angeben. Einer seiner levantinischen Taucher befestigt Fische an Antonius’ Angel. Cleopatra bemerkt den Schwindel und lässt durch ihren Taucher Antonius einen geräucherten Hering fangen!

10 v. Chr.
- Livius berichtet über den Einsatz von Tauchern beim Bergen von Schätzen.
- Der römische Dichter Ovid, eigentlich Publius Ovidius Naso, erzählt in seiner römischen Überlieferung über Aesacus, dass zu Ehren des Gottes Dyonisos auf dem Peloponnes jährlich Taucher- und Schiffswettkämpfe stattfinden.


So, da habt ihr’s! Darf ich das Kapitel „2. Nach Christus - 999“ gelegentlich folgen lassen oder passt es vielleicht (auch weil allzu bekannt) doch nicht hierher?
Grüße Norbert
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Re: Über den Anfang aller Anfänge

Beitragvon Helmtaucher » Fr 21. Okt 2011, 15:36

Hallo Norbert,

herzlich Willkommen hier im Forum!

Ich finde, diese Beiträge passen hier hervorragend rein!

Gruß Thomas
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Re: Über den Anfang aller Anfänge

Beitragvon Franz » Fr 21. Okt 2011, 21:27

Hallo Norbert!

Und ob das passt! Willkommen im Club! „2. Nach Christus - 999“ . . . ich warte bereits darauf!

Gruß nach Berlin,

Franz
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